Teamanalyse

Analyse der Kaderplanung von Werder Bremen

Seit mehreren Wochen, spätestens nach der 0:5-Heimniederlage gegen den FSV Mainz 05 ist der SV Werder Bremen omnipräsent in den deutschen Sportmedien. Warum ist die Mannschaft so tief gefallen, nachdem in der letzten Saison noch an den Europa League-Plätzen geschnuppert wurde? CREATEFOOTBALL wirft einen differenzierten Blick auf die Bremer Kaderplanung.

Saisonverlauf

Bereits der Saisonstart gegen Fortuna Düsseldorf ließ zu wünschen übrig und ging mit 1:3 verloren. Die Siege gegen Augsburg und Union sorgten daraufhin für Ruhe, waren jedoch auf eine eklatante Formschwäche (Augsburg) und fragwürdige Elfmeterentscheidungen (Union) zurückzuführen. Zumindest sorgten die Siege für mehr Ruhe und läuteten nach dem 0:3 gegen Spitzenteam Leipzig eine Serie von fünf Remis in Folge ein. Jeder der den Ergebnissport Fußball kennt, weiß, das Spiel in dem diese Serie reißt, kann für unterschiedliche Szenarien sorgen. Entweder es heißt: Seit sechs Spielen ungeschlagen oder seit sechs Spielen sieglos. Letzteres traf zu und ließ das Bremer Selbstvertrauen bröckeln. Insbesondere die bittere Heimniederlage gegen Paderborn war ein Knackpunkt, denn danach folgten bis zur Winterpause ausschließlich Niederlagen. Wie konnte es dazu kommen, dass die stets angepriesene spielerisch starke Bremer Elf am laufenden Band verlor?

Verletzungspech

Zum einen ist hier das Verletzungspech anzuführen. Mit einer durchschnittlichen Ausfallzeit von rund 37 Tagen pro Spieler hat Werder die Dritthöchsten der Liga. Mit Augustinsson, Moisander, Toprak und Selassie fielen alle vier Stamminnenverteidiger längere Zeit aus. Philipp Bargfrede gilt schon seit Jahren als verletzungsanfällig, ebenso wie Niclas Füllkrug, den es erneut schwer erwischte. Langfristige Ausfälle bestanden zudem in Kevin Möhwald und Fin Bartels. Das alles führte dazu, dass sich Florian Kohfeldt gezwungen sah, das System fast wöchentlich neu zu justieren. Insgesamt elf unterschiedliche Grundsysteme boten die Grün-Weißen in dreiundzwanzig Pflichtspielen auf. Geholfen hat es wenig, Werder steht derzeit auf dem Relegationsplatz.

Transfers

Selbstverständlich kann man die Bremer Verletzungshistorie nicht als Ausrede nehmen. Es ist ein Faktor, aber ein absehbarer Faktor. Die angesprochenen Toprak, Bargfrede und Füllkrug hatten schon einige langwierige Verletzungen in ihrer Karriere. Hinzu kam das eklatante Tempodefizit in den zentralen Positionen Innenverteidigung, defensives und zentrales Mittelfeld. Erst am letzten Tag der Sommertransferperiode kam mit Ömer Toprak ein schneller Verteidiger, der sich zeitnah wieder verletzen sollte. Immerhin standen mit Regionalliga-Verteidiger Christian Groß und Sebastian Langkamp zwei erfahrene Profis zur Verfügung, die in der Innenverteidigung aushalfen.

Dafür, dass im Sommer niemand für die Sechserposition verpflichtet wurde, gab es in dieser Hinserie die Retourkutsche.

Podcast #01

Viel prekärer gestaltete sich nämlich das Problem auf der Sechs. Bargfredes Ausfall bedeutete eine Stammplatzgarantie für Nuri Sahin, der jedoch in der Endgeschwindigkeit zu den drei langsamsten Akteuren ligaweit gehört. Für ein schnelles Umschalten auf Defensive ist er nicht geeignet und so wurden immer häufiger Ballverluste im Zentrum zum Bumerang für Werder.

Mit Max Kruses Abgang ist das Puzzlestück weggebrochen, auf dem die Bremer Spielidee aufgebaut war.

Podcast #01

Der Faktor Max Kruse

Das Kernproblem, welches wir im Podcast beide unabhängig voneinander ausgemacht haben, liegt allerdings weiter vorne. Der Abgang von Kruse wurde vereinsseitig unterschätzt und völlig falsch bewertet. Zum nominellen Ersatz Yuya Osako, der bereits zu Kruse-Zeiten im Kader stand, bestand nach dem Ausfall von Füllkrug kaum eine Alternative. Pizarro fehlte die Fitness, Sargent die Reife und Johannes Eggestein wurde zum Achter umgeschult. Sportdirektor Frank Baumann hat sich in der Personalie Osako verschätzt, dies belegen auch die Statistiken.

Max KruseYuya Osako
Pässe/Spiel5030,5
Erfolgreiche Pässe/Spiel4022,7
Lange Pässe/Spiel4,62,5
Erfolgreiche lange Pässe/Spiel75,2%55,6%
Chancen kreiert/Spiel2,61,2

Anders als der omnipräsente Kruse ist Osako viel seltener in das Bremer Ballbesitzspiel eingebunden. Insbesondere die raumöffnenden Pässe von Kruse auf die Flügelspieler werden schmerzlich vermisst.

Wintertransfers

Mit den Wintertransfers von Kevin Vogt (IV, DM) und Davie Selke wurde auf beide Problematiken reagiert. Vogt als spielstarker Innenverteidiger mit ordentlichem Tempo und Führungsqualität sowie mit Selke ein neuer Stürmertyp, um wieder mehr Bälle festzumachen. Es scheint, als würde Bremen nun die Dreierkette etablieren mit Kevin Vogt, der seine besten Spiele in jener Formation absolviert hat und zum Defensivanker werden soll. Auch die Verpflichtung von Selke ist grundsätzlich positiv einzustufen, jedoch muss dieser dringend seine Torjägerqualitäten unter Beweis stellen. In den letzten sieben Spielen gelangen lediglich drei Treffer, zwei davon waren Eigentore.

Werder hatte bereits zu Saisonbeginn die Dreierkette geplant, jedoch nicht genügend fitte Innenverteidiger zur Verfügung gehabt.

Podcast #01

Ausblick

Auch wenn die Soforthilfen Vogt und Selke bei der Mission Klassenerhalt helfen: Werders Probleme müssen eine Anpassung im Sommer nach sich ziehen. Der geliehene Vogt wird nach Hoffenheim zurückkehren, es werden dringend Back-ups für die Außenverteidiger gesucht, sei es als LV oder LAV, RV bzw. RAV. Mit Felix Agu kommt ein solcher aus Osnabrück. Es muss unbedingt ein Stabilitätsspieler für die Sechserposition gefunden werden, dort besteht seit dem Abgang von Thomas Delaney nach Dortmund eine Vakanz. Ebenfalls besteht auf beiden offensiven Außenbahnen Bedarf. Fraglich, ob Top-Scorer Milot Rashica gehalten werden kann, so oder so braucht es einen Back-up für ihn. Auf dem rechten Flügel besteht generell Bedarf. Leo Bittencourt zeigt sich inkonstant, Goller noch nicht reif genug und der Vertrag von Bartels endet. Die Talente Johannes Eggestein und Joshua Sargent könnten zudem zu ambitionierten Zweitligisten verliehen werden. So könnte Werder Bremen 2020/2021 wieder in bessere Zeiten schauen.

Jetzt die ganze Podcast-Folge #01 hören!

Kommentar verfassen