Analytics

DER NACHWUCHSFUSSBALL IN DEUTSCHLAND – EINE FUSSBALLNATION ZWISCHEN TIEFGREIFENDEN PROBLEMEN UND UNGEWISSER ZUKUNFT

  1. Corona als Beschleuniger aller Komplikationen
  2. Status Quo – Mehr Schatten als Licht
  3. Streitthema U23
  4. Die Uhr tickt

.

1. Corona als Beschleuniger aller Komplikationen

Wir wollen nicht, dass die Menschen sich vom Fußball verabschieden.


– Oliver Bierhoff, DFB-Direktor

Mit diesen Worten äußerte sich Oliver Bierhoff Ende letzten Jahres zur Problematik des deutschen Jugendfußballs vor dem Hintergrund der Corona Pandemie. Doch die Gefahr, ganze Generationen in großem Maße zu verlieren, scheint aktuell größer denn je. Geschlossene Vereinsanlagen, ausbleibende Trainingsmöglichkeiten und ein unterbrochener Spielbetrieb im Amateur- und Jugendbereich scheinen den deutschen Fußball vor eine existenzielle Krise zu stellen. Vor allem der E-Sports Sektor gewinnt zu Pandemiezeiten existenziell an Zuwachs, worin der Deutsche Fußball-Bund (folglich DFB) eine weitere Gefahr für den zukünftigen Jugendfußball in Deutschland sieht. Untermauert wird die Sorge durch die Tatsache, dass der DFB zwischen 2009 und 2019 bereits ganze 9% seiner Mitglieder verloren hat. Die Tendenz? Steigend! Doch auch der so vermeintlich unantastbare Profifußball hat mit den bisherigen Folgen der Corona Pandemie weitläufig zu kämpfen. Demnach steht nicht weniger als die Karrieren ganzer Generationen auf dem Spiel! Während die Profiligen mittels detailliert erarbeitetem Hygienekonzept ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen können, scheinen im Jugendfußball nach und nach die Lichter auszugehen. Erst seit der Bund-Länder-Konferenz am 3. März darf der Nachwuchs wieder trainieren – wie lange ist mit Blick auf die steigenden Inzidenzzahlen allerdings fraglich. Davor war es nur den U19-Mannschaften der Profivereine erlaubt, Trainings weiterhin durchzuführen – auf Pflichtspiele mussten letztere allerdings auch verzichten. Doch wer Corona für die tiefgründigen Probleme im deutschen Nachwuchsfußball die Schuld in die Schuhe schiebt, macht es sich bei weitem zu einfach; befindet sich dieser doch bereits seit einigen Jahren in einer tiefen Abwärtsspirale.

.

2. Status Quo – Mehr Schatten als Licht

Wie einleitend angeführt, sind die Probleme im deutschen Jugendfußball nicht erst mit Corona an die Oberfläche gelangt. Zwar konnte der nationale Fußball mit dem rein deutschen Champions League Finale 2013 und dem WM Sieg 2014 Werbung in eigener Sache betreiben; im schnelllebigen Fußballgeschäft liegen diese Erfolge allerdings schon eine ganze Weile zurück. Seit Jahren bleiben die Erfolge der U-Mannschaften aus und auch die individuellen Fortschritte der Nachwuchskicker scheinen überschaubar. Folgende Aspekte verdeutlichen die Krise des deutschen Fußballs: Immer weniger deutsche Akteure schaffen den Sprung in die erste deutsche Bundesliga. So waren es in der Saison 2017/18 beispielsweise ganze 30% (!) weniger als noch 2006. Die Bundesligisten setzen also immer weniger auf deutsche und vermehrt auf ausländische U23 Spieler – kommen doch 75% (!) der eingesetzten Spieler unter 23 aus dem Ausland. Weitere besorgniserregende Entwicklungen sind auch mit Blick auf die Marktwerte zu erkennen. Folgende Grafik zeigt, dass die deutsche und spanische U21-Nationalmannschaft in den letzten fünf Jahren einen Wertverlust zu verzeichnen haben! Lag dieser 2016 bei den Deutschen noch bei 200,68 Mio. €, sind es nun mehr als überschaubare 114,70 Mio. €. Zeitgleich entwickelten sich England und Frankreich in die andere Richtung – und wie!  Während die Three Lions über die letzten fünf Jahre auf eine Steigerung von knapp 200 Mio. € auf 325,50 Mio. € kommen, liegt der Marktwert bei Frankreichs Juniorenauswahl aktuell bei 499,50 Mio. € (2016: 168,20 Mio. €) – mehr als das Vierfache der deutsche Mannschaft! Dass diese Zahlen auch ein Abbild der Leistungen sind, zeigt sich daran, dass deutsche Nachwuchsteams seit 2017 ganze vier Turniere gänzlich verpasst haben! Es wird klar: im deutschen Nachwuchsfußball herrscht akuter Handlungsbedarf!

Marktwerte von transfermarkt.de

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, scheint vor allem an der Struktur des deutschen Nachwuchsfußballs zu liegen, welcher den Fokus auf die falschen Schwerpunkte zu legen scheint. Demnach sei die Philosophie der Trainer zu stark ergebnisorientiert und das Augenmerk zu sehr auf den taktischen Aspekt gelegt – die Förderung einzelner Spieler und deren Persönlichkeitsentwicklung komme dabei weitestgehend zu kurz. Basierend auf genannten Aspekten scheint es weniger überraschend, dass sich der DFB in Vergangenheit bereits einiger Kritik stellen musste. In dem Zuge bezeichnete Peter Hyballa, aktuell Trainer bei Wisla Krakau, in einem Interview mit dem Sportbuzzer die Spielerausbildung bereits 2018 als „stromlinienförmig“, bei der „Individualisten und Persönlichkeiten, mutige Spieler, die kreativ sind, oder gar Querdenker […] nicht gefragt“ seien. Ähnlich äußerte sich auch Mehmet Scholl, ehemaliger Trainer der FC Bayern Amateure, mit Blick auf die Trainerausbildung. Demnach seien spielerische Freigeister mit Liebe zum Dribbling nicht mehr erwünscht.

Projekt Zukunft als letzter Ausweg?

Die Probleme des deutschen Nachwuchsfußballs sind dem DFB weitestgehend bekannt. Primär vor dem Hintergrund der schwindenden Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Nachwuchsfußballs im internationalen Vergleich, hat der Verband in Zusammenarbeit mit der Deutschen Fußball Liga (folglich DFL) im September 2019 ein Gemeinschaftsprojekt von Profi- und Amateurfußball initiiert, das sich laut Pressemitteilung des DFB mit den „zentralen Fragen zur nachhaltigen Etablierung und Entwicklung des deutschen Fußballs“ befassen soll. Das Ziel dabei: Den deutschen (Nachwuchs) Fußball erneut an die Weltspitze heranzuführen, um ihn dort langfristig zu etablieren. Weiteres Erstreben: Weg vom Ergebnissport und hin zur individuellen Förderung der Kinder und Jugendlichen. Dazu will der DFB veraltete Strukturen und Prozesse optimieren und den Jugendfußball im Kern reformieren. Eine konkrete Idee liegt dabei in der Abschaffung der Junioren-Bundesligen und dem überregionalen Spielbetrieb von der U14 bis hin zur U19. Demnach sollen die U19 Teams der 56 Proficlubs in einer Liga der Nachwuchsleistungszentren gegeneinander antreten – ganz ohne Auf- und Abstieg. Obwohl dieses Modell der individuellen Förderung zugutekommen soll, stößt die geplante Reform vielerseits auf Kritik. So sehen unter anderem Oliver Ruhnert (Geschäftsführer Sport bei Union Berlin) und Thomas Eichin (Leiter der Nachwuchsabteilung bei Bayer 04) in den geplanten Reformen keine Lösung für die aktuellen, so tiefgründigen Probleme im Jugendbereich.

Trotz aller Polemik gehört das Projekt Zukunft aktuell nicht zu den größten Baustellen der Verantwortlichen. Vielmehr haben die Funktionäre rund ein Jahr nach Beginn der Pandemie noch immer mit dessen direkten Auswirkungen zu kämpfen. Trotzdem sei erwähnt, dass die Reformpläne aufgrund der Einschränkungen weiterhin stark ausgebremst werden. Vor allem dort, wo die neuen Ansätze so dringend gebraucht werden, darf seit rund einem Jahr kein Fußball gespielt werden. Der Trainingsbetrieb findet in weiten Teilen Deutschlands weiterhin nur virtuell statt. Zwar können die Spieler so weiterhin an ihrer Athletik arbeiten, Schulungsformen zur Persönlichkeitsentwicklung lassen sich auf diese Weise aber kaum simulieren.

.

3. Streitthema U23

Neben den aufgezeigten Problemen sorgt aktuell ein weiteres Thema für Aufsehen: Die U23 Mannschaften; seit jeher eines der umstrittensten Themen im deutschen Fußball. Jahrzehntelang gehörte eine U23 Auswahl zu den Grundbedingungen für die Lizenzerteilung am regulären Spielbetrieb. Doch seit dem Antrag seitens Bayer 04 auf Abschaffung ihrer Zweitvertretung, hat die DFL die Regel zur Saison 2014/15 hin gekippt. Infolgedessen wuchs die Bedeutung der Nachwuchsleistungszentren, die bereits seit Anfang der 2000er Jahre verbindlich für alle Vereine der beiden Bundesligen sind.

Quelle: FanQ

War die Diskussion um die Zweitvertretungen in den letzten Jahren etwas abgeflacht, flammen sie nun größer denn je auf. In einer Umfrage unseres Kooperationspartners FanQ stimmten rund 70% der Fans der These zu, dass die Abschaffung der U23-Teams rückblickend falsch war. Zu erklären ist das, wie so vieles aktuell, durch die Corona Pandemie. Während Spieler der Proficlubs, die weiterhin über eine U23 verfügen, Spielpraxis in Liga 3 und den Regionalligen sammeln können, sind jegliche Trainingsformen bei den Jugendmannschaften bis zur U18 verboten – einzig und allein die U19 Mannschaften der Profivereine durften weitertrainieren, da sie bereits als Berufssportler angesehen sind. Ausgelöst durch die Tatsache, dass letzteren durch die Einschränkungen eine große Anzahl an Spielen genommen werden, wird aktuell viel über die Rolle der U23 Mannschaften debattiert. Obwohl die U19 über große Strecken nicht vom Trainingsverbot betroffen ist, ließ Markus Hirte, Leiter der Talentförderung beim DFB, gegenüber CREATEFOOTBALL verlauten, dass die „wesentlichste Einschränkung […] die fehlende Wettkampfpraxis“ darstelle. Demnach helfe das aktuelle Training den Nachwuchskickern nur bedingt weiter; dies gelte vor allem für die „höheren Altersklassen“, welche kurz vor dem möglichen Schritt in den Profibereich auf die Wettkampfpraxis angewiesen seien.

Wenn eine der drei Säulen der Talententwicklung (Umfänge / Inhalt (Ausbildung) / Spielzeit – Spielpraxis) nicht gewährleistet ist, kann sich ein Talent nicht optimal entwickeln. Die Pandemie hat die Säule Spielpraxis erheblich erschüttert. Vereine, die keine U23 haben bzw. deren U23 aktuell in der Regionalliga oder drunter nicht spielen können, müssen durch das Ausleihen der Spieler ihnen die Möglichkeit geben, dass sie Spielpraxis sammeln können.


– Engin Yanova, Co-Trainer DFB U18

Weitere spannende Sichtweisen Yanovas zur Datenanalyse und zum Fußball der Zukunft, findet ihr in unserer aktuellen Podcastepisode #46 Fußball im Jahr 2030 – Datenbasierter Matchplan statt Bauchgefühl des Trainers?

Generell gilt: In dieser Thematik gibt es kein richtig und kein falsch! Befürworter der Zweitvertretungen argumentieren die Wichtigkeit dieser Mannschaften gerne mit dem Aspekt, nur eine geringe Anzahl an Spielern schaffe den direkten Sprung aus der U19 ins jeweilige Profiteam. Des Weiteren wird erläutert, dass die U23 Teams gute Plattformen seien, um auf hohem Niveau Spielpraxis zu sammeln. So sind in der Saison 2020/21 neben den Amateuren des Rekordmeisters FC Bayern in der dritten Liga ganze 20 Zweitvertretungen in den Regionalligen vertreten, wo der Spielbetrieb trotz der vielen gesellschaftlichen Einschränkungen teilweise noch immer läuft (Regionalliga West & Regionalliga Südwest). Dem gegenüber stehen die Kritiker des Modells U23, die vor allem eine fehlende wirtschaftliche Attraktivität anprangern. Hinzu komme eine finanzielle Ungleichheit, da U23 Teams einen genauso großen Zugriff auf die entsprechenden Geldtöpfe haben als Erstvertretungen, obgleich deren Kosten für den Verwaltungsapparat wesentlich geringer sind. Aber auch sportlich sei die U23 wenig lukrativ. So argumentiere Rudi Völler zum Zeitpunkt der Auflösung der U23 bei Bayer, dass die Leistungsentwicklung der Ausnahmekönner in den Regionalligen zu stagnieren drohe. Vielmehr könnten Spieler nach der U19 an Drittligisten ausgeliehen werden, um den Spielern auf Profiniveau Spielpraxis zu ermöglichen. Fakt ist: Zu Corona Zeiten genießen Spieler von Vereinen mit Zweitvertretung einen vielleicht entscheidenden Vorteil mit Blick auf den möglichen Schritt in den Profibereich.

Als Ausbildungsverein ist alles in allem unser Ziel, den Erhalt unserer U23-Mannschaft weiterhin zu gewährleisten und es sollte auch eine Überlegung im Projekt Zukunft sein, diese zu berücksichtigen. Dessen sollte sich der DFB annehmen, um jungen Talenten nach der U19 einen Spielbetrieb anzubieten – die Chance wäre jetzt da.


– Mirko Reichel, Sportlicher Leiter der Kleeblatt Akademie von der SpVgg Greuther Fürth

.

4. Die Uhr tickt

Auf Basis der genannten Aspekte bleibt festzuhalten, dass der deutsche Fußball im Kampf um die kommenden Profis keinerlei Zeit einbüßen sollte. Die Vereine sollten tunlichst schnell Strategien entwickeln, um ihren Nachwuchsspielern möglichst viel Spielzeit auf hohem Niveau zu ermöglichen. In dem Kontext wären Kooperation mit Vereinen der zweiten und dritten Liga, welche vermehrt auf die junge Spielergeneration setzen, denkbar. Darüber hinaus steht der DFB in der Pflicht, einen Rahmen zu schaffen, in dem eine Gleichbehandlung der höchsten Jahrgänge (U18 und U19) und den U23 Mannschaften Usus wird. Alle genannten Jahrgänge sollten folglich als Berufssportler anerkannt werden. Doch neben den Verantwortlichen stehen auch die Spieler im Fokus, sich intensiv mit der eigenen Zukunft auseinanderzusetzen. In dem Zusammenhang berichtet Markus Hirte, dass die aktuelle Situation eine „noch stärkere Eigenmotivation und Eigeninitiative“ fordere. Weiter erläutert er, dass diese Art von Spielern nach dem Ende der Pandemie einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihrer Konkurrenz hätte. Auch Mirko Reichel von der SpVgg Greuther Fürth spricht davon, dass „es Jungs geben wird, die die coronabedingte Pause als Chance genutzt haben“. In dieselbe Kerbe schlägt auch Sportpsychologin Kathrin Seufert:

„Aus sportpsychologischer Sicht ist es wichtig, dass die Spieler sich dennoch ihrer Stärken bewusst sind und weiter ein Ziel verfolgen. Dies ist zweifelsohne alles andere als leicht. Auch der Fakt, dass Ihnen Chancen geraubt werden, lassen sich nicht wegdiskutieren. Es geht also darum, den eigenen Fokus eben nicht auf Entscheidungen anderer zu legen, sondern eigenverantwortlich zu handeln. Zu schauen, was kann ICH dazu beitragen, dass sich etwas verändert und was kann ICH tun, damit es mir gut geht, unabhängig von Entscheidungen anderer.“

Kathrin Seufert, Sportpsychologin am NLZ vom VfL Osnabrück

Mit Blick auf die möglichen Lösungsansätze, welche Vereine und Verband betreffen, erscheint eine zeitnahe Lösung als wichtigstes Gut – vor allem mit Blick ins Ausland. Während der Ball auf nationaler Ebene ruht, wurde der Spielbetrieb in England, Spanien und auch in Italien soweit durchgehend aufrechterhalten. Und nicht nur in den Topnationen läuft der Spielbetrieb weiter, auch in der Schweiz kommen die Jugendspieler weiterhin in den Genuss des Wettbewerbs. Wie ein Vereinsverantwortlicher eines Schweizer Erstligisten CREATEFOOTBALL berichtete, kann die U18 Meisterschaft (in der Schweiz folgt auf die U18 gleich die U21) bis auf eine mehrwöchige Unterbrechung zu Ende des letzten Jahres hin wie geplant vonstatten gehen, womit die Nachwuchskicker nicht nur vom Training, sondern primär auch von den weiter stattfindenden Spielen auf Wettkampfniveau profitieren. Somit droht dem deutschen Nachwuchsfußball nicht nur, den Anschluss an die Branchenführer zu verlieren, sondern auch den erarbeiteten Vorsprung auf kleinere europäische Fußballnationen zum Teil einzubüßen. Wie Lars Ricken, aktueller Nachwuchskoordinator beim BVB, der ZEIT mitteilte, werde man diese Konsequenzen in Bezug auf die älteren Jahrgänge allerdings erst in zwei bis drei Jahren zu sehen bekommen. Aus deutscher Sicht bleibt demnach nur zu hoffen, dass sich die aktuelle Gemengelage nicht zu sehr auf die zukünftigen Kräfteverhältnisse im Weltfußball auswirken wird – wenngleich die Prognose düster ausfallen dürfte.

Kommentar verfassen