Teamanalyse

Das Erfolgsrezept von Atalanta Bergamo

  1. Einleitung – Der Weg zum Spitzenclub
  2. Kaderplanung – Die optimale Kaderbreite
  3. Transferpolitik – No-Names und Talente im Fokus
  4. Die Spielanlage – Ausgeglichenheit trotz Offensivpower
  5. Fazit

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1. Der Weg zum Spitzenclub

Atalanta Bergamo, das Team der Stunde. Elf Siege aus neunzehn Partien bedeuten Platz 6 in der Tabelle – vor höher eingestuften Kontrahenten wie Inter Mailand, Torino oder dem AC Florenz. Der Trainerwechsel hin zu Gian Piero Gasperini hat sich voll und ganz ausgezahlt. Der Coach, der zuvor drei Jahre lang die CFC Genoa trainiert hat, setzt verstärkt auf die Jugend.

Der Montagsscout, 06.01.2017

So titelte der Montagsscout vor ziemlich genau drei Jahren und beschrieb die damalige Situation des italienischen Vereins. In dieser Zeit ist einiges geschehen, viele Talente von damals wurden für teures Geld verkauft – Atalanta jedoch gehört noch heute zu den Top-Teams der Serie A. Wie konnte das gelingen, obwohl sämtliche Leistungsträger von damals wie Kessié, Gagliardini, Conti oder Petagna den Verein verließen? Oder, wie die Daily Mail im September 2019 titelte: How a club with a tiny budget like Burnley’s and a team of outcasts have joined Europe’s elite.

Quelle: Matchmetrics

Atalantas sportliche Entwicklung lässt sich anhand dieses Graphen skizzieren. Die kombinierten Leistungsdaten des Teams weisen einen stetig positiven Trend auf, das aktuelle Rating von 7,45 ist das höchste aller Serie A-Teams der Saison 2019/2020.

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2. Die optimale Kaderbreite

Die Standardantwort von Fußballmanagern hinsichtlich der optimalen Kadergröße lautet stets 20 Feldspieler und 3 Torhüter. Und exakt diese Größe weist Atalanta auf. Jede Position ist dadurch doppelt besetzt. Jeder einzelne Kaderspieler kommt zu seinen Einsätzen, was einen riesigen Pluspunkt hinsichtlich der Teamchemie darstellt. Niemand ist außen vor, jeder wird gebraucht.

Trotz der Sommerkäufe weist Atalanta ein Transferplus von unglaublichen 48 Millionen Euro auf. Das zeugt von ausgesprochener Qualität im Management.

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3. No-Names und Talente im Fokus

Der Schlüssel zu Atalantas Erfolg liegt im Management. Sportdirektor Gabriele Zamagna gelang es zusammen mit Erfolgscoach Gasperini den Kaderwert von 80 Millionen Euro auf knapp 300 Millionen Euro hochzuschrauben – innerhalb von drei Jahren! Das kluge Scouting im Einklang mit dem festen Spielsystem 3-4-1-2 war der Grund für ihren Aufschwung. Und auch der Spielstil ist enorm attraktiv und begeistert inzwischen Fußballanhänger weltweit.

Den Kaderwert Jahr für Jahr zu steigern und dabei noch Gewinne zu erwirtschaften? Es ist das Idealbild eines optimalen Scoutingprozesses. Um diesen besser zu verstehen, muss man die Schwerpunkte der Transferpolitik der Bergamasken kennen. Diese baut auf mehreren Säulen auf:

  1. Hot Talents, bevorzugt aus dem eigenen Nachwuchs
  2. No-Name Transfers zu günstigen Konditionen
  3. Spätzünder mit tragenden Rollen
  4. Kluge Transfers zur Qualitätssicherung
  1. Barrow, Baselli, Bastoni, Bonaventura, Caldara, Conti, Cristante, Gagliardini, Gollini, Kessié, Locatelli, Petagna (viele davon inzwischen verkauft)
  2. Tolói (3,9 Mio. Euro Ablöse aus Brasilien), Palomino (4,5 aus Bulgarien), Djimsiti (ablösefrei aus der Schweiz), Gosens (0,9 aus Holland), Castagne (6,5 aus Belgien), Hateboer (1 aus Holland), Freuler (2 aus der Schweiz), de Roon (1,3 aus Holland)
  3. Alejandro „Papu“ Gómez und Ilicic
  4. Caldara, Malinovskyi, Czyborra und Muriel

Diese Übersicht zeigt, wie intensiv Atalanta im Ausland scoutet. Dies hat ihnen in den letzten Jahren einen Wettbewerbsvorteil verschafft, den sie aufgrund des Mixes aus Scouting und Jugendarbeit gewinnbringend zu nutzen wussten. Man kann diese Gruppen einmal betiteln mit 1. Hot Talents, 2. Stabilitätsspieler, 3. Spätzünder und 4. Qualitätstransfers. Was fällt nun auf? Die Hot Talents kommen fast alle aus Italien oder haben eine italienische Nachwuchsakademie durchlaufen. Aufgrund ihrer Nationalität und ihrer hochwertigen Ausbildung haben diese Spieler einen hohen Verkaufswert – sportlich werden sie kaum über mehr als 2-3 Jahre zu halten sein.

Die Stabilitätsspieler kommen allesamt nicht aus Italien oder der Serie A. Sie waren zumeist in kleineren Ligen aktiv und dadurch erheblich günstiger als vergleichbare italienische Spieler. Diese Spieler bringen dem Verein bei guter Entwicklung entweder eine ordentliche Ablöse im zweistelligen Millionenbereich oder geben dem Kader langfristig Substanz. Bergamo entschied sich dazu, alle Spieler dieser Kategorie, die gut ins System passen und ihre Leistungsfähigkeit nachweisen konnten, zu halten.

Quelle: Matchmetrics

Die Spezies Spätzünder hängt massiv mit dem Spielsystem von Gasperini zusammen. Gómez bekam seit seiner Ankunft in Bergamo sämtliche Freiheiten, durfte kreativ sein und seine individuelle Klasse entfalten. Längst ist der nur 165 Zentimeter große Argentinier Publikumsliebling, in Bergamo „Il Dio“ – „Gott“ genannt. Er kam 2014 für nicht einmal 4,5 Millionen Euro von Metalist Charkow aus der Ukraine, spielte seitdem über 200 Spiele für La Dea.

Josip Ilicic hatte bei seinen Stationen Palermo und Florenz große Probleme die optimalen Position sowie Konstanz zu finden. Bei den Nerazzurri hat er große Schritte gemacht und wurde zum Stürmer umgeschult, nachdem er zuvor als offensiver Mittelfeldspieler oder Rechtsaußen eingesetzt wurde. Zusätzlich zu seiner hinlänglich bekannten unglaublichen Schusskraft kam nach und nach seine überragende Technik auf engstem Raum zum Vorschein. Kaum zu glauben, dass ein so abschlussstarker und technisch beschlagener Stürmer nicht früher entdeckt wurde.

Gómez und Ilicic sind zwei tragende Säulen in Atalantas Offensivspiel. Beide verfügen über eine extrem starke Technik, welche durch die EPIs unseres Kooperationspartners matchmetrics untermauert werden.

Die Qualitätstransfers runden Atalantas Transferportfolio ab, sie waren auch im letzten Sommer/Winter einmal mehr überragend. Ruslan Malinovskyi kam als spielstarker zentraler Mittelfeldspieler aus Genk, Duvan Zapata wurde nach Leihe fest verpflichtet und ist längst eine Institution in Atalantas Spiel. Luis Muriel bereichert den Kader um einen Top-Joker im Angriff, der über ein enormes Tempo verfügt und die Liga kennt. Lennart Czyborra aus Almelo wird bereits jetzt zum Back-up für Gosens aufgebaut, der im Sommer zum Exportschlager werden könnte.

Wenn man das Scoutinggebiet in Afrika rund um die Fußballschulen effektiv nutzt, kann man dort einige Rohdiamanten ausgraben.

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Zu guter Letzt sei noch der afrikanische Markt erwähnt. Dort wurden für 1,5 Millionen Euro Franck Kessié aus der Elfenbeinküste und für 0,2 Millionen Euro Musa Barrow aus Gambia geholt. Ersterer ging für insgesamt 32 Millionen zum AC Milan, Letzterer spült mindestens 13 Millionen im Sommer 2021 in die Kassen, wenn die Kaufpflicht des FC Bologna greift. Dies zeigt die Sinnhaftigheit eines Investments in den afrikanischen Markt, aus 1.7 Millionen Euro Ausgaben für 2 Spieler erwirtschaftete man 45 Millionen Euro Einnahmen.

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4. Ausgeglichenheit trotz Offensivpower

Die ausbalancierte Kaderbreite zeichnet Atalanta in dieser Saison aus. Von allen Spielern geht Offensivgefahr aus, dass macht sie besonders variabel. Insbesondere die Schienenspieler Gosens und Castagne suchen stets den Weg in die Box und kommen im Rücken der gegnerischen Verteidigung zu Torabschlüssen. Kreativposten Alejandro Gómez zieht zudem gern auf den linken Flügel und sorgt dort für Überzahlsituationen. Das zentrale Mittelfeld ist sehr laufstark, während die Innenverteidiger bei Standards gefährlich werden. Kluge Transfers wie Caldara, Malinovskyi, Czyborra und Muriel sind gleichwertige Alternativen auf ihren Positionen und geben dem Kader die nötige Qualität in der Breite.

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Spielprinzipien

Atalanta agiert stets aus einer 3-4-1-2 Grundformation heraus, wobei der Spielmacher und Zehner Papu Gómez zum dritten Angreifer werden kann. Defensiv wird früh gepresst, um lange Bälle zu provozieren – welche von der kopfballstarken Innenverteidigung mühelos verteidigt werden. Das Aufbauspiel der Gegner soll massiv gestört werden. Um dies zu gewähren, setzt Gasperini auf eine raum-orientierte Deckung, kombiniert mit einer Manndeckung des gegnerischen Aufbauspielers im zentral defensiven Mittelfeld durch Gómez. Die Stürmer Zapata und Ilicic laufen gern sichelförmig an, um zwei Spieler in den Deckungsschatten zu nehmen und das Aufbauspiel des Gegners zu lenken. Individuelle Fehler und Risikopässe des Gegners werden dadurch verstärkt hervorgerufen. Aufgabe der beiden Schienenspieler Gosens und Hateboer ist es, den vertikalen Pass des Gegners zu verhindern. So wird verhindert, dass der Gegner beispielsweise mit einem 4-4-2 Überzahl auf dem Flügel erzeugt. Erst wenn der Passweg zugestellt ist und der äußere Innenverteidiger seinen Gegenspieler aufgenommen hat, üben Atalantas rechter/linker Flügelspieler Druck auf den Ballführenden aus.

Offensiv agiert Atalanta mit viel Ballbesitz, aber auch mit vielen Ballverlusten, denen jedoch sofort durch direktes Pressing nachgesetzt wird. Erneut nimmt Alejandro Gómez eine Schlüsselrolle ein, indem er die Dreiecks- und Rautenbildung auf dem Feld forciert. So verbindet er nicht nur Pasalic und de Roon mit den Stürmern, sondern auch die Schienenspieler mit selbigen. Fluide Positionsrochaden sind keine Seltenheit, so zieht häufig ein Stürmer weit auf den Flügel und lässt sich vom Flügelspieler überlaufen. Jener rückt bei Hereingaben stets ins Sturmzentrum und befindet sich häufig im Rücken der gegnerischen Abwehr. Allen voran ist Robin Gosens Nutznießer dieser taktischen Vorgabe, was durch dessen 10 Tore und 8 Assists in allen Wettbewerben untermauert wird.

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5. Fazit

Atalanta Bergamos Strategie zeigt: Wenn man kleinere Märkte scannt und eine klare Spielidee verfolgt, kann der Spagat zwischen sportlicher Leistungsfähigkeit und finanziellem Wachstum gelingen. Es ist ein seltenes Beispiel von hoher Qualität in den Bereichen Kaderplanung, Scouting und Spielphilosophie. Es wird spannend zu beobachten sein, in welche Höhen Atalantas Weg noch führt – in der Serie A schrammt man wohl knapp am Scudetto vorbei, in der Königsklasse wartet Paris Saint Germain. Gasperinis Mannen müssen sich vor niemandem verstecken!

Hier könnt ihr die gesamte Podcastfolge #03 anhören.

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