Analytics,  Teamanalyse

Die Philosophie von Monchi: Scouting & Kaderplanung beim FC Sevilla

  1. Einleitung – Der „Transfer Wizard“
  2. Die Grundpfeiler des Erfolgs
  3. Das Scouting
  4. Die Spielerauswahl
  5. Big Data und künstliche Intelligenz
  6. Fazit

1. Der „Transfer Wizard“

Ramón Rodríguez Verdejo, genannt Monchi, hat sich im Laufe der letzten Jahre viele Spitznamen in der Fußballbranche erarbeitet. Nationale und internationale Zeitungen tauften ihn u.a. „Transfer Wizard“ (Transferzauberer) oder bezeichneten ihn als „Messi der Büros“. Von 2000 bis 2017 und erneut seit April 2019 hat Monchi Spieler wie Dani Alves, Clement Lenglet oder Ivan Rakitic für den FC Sevilla entdeckt und mit immenser Wertsteigerung an Top-Clubs weiterverkauft. Aktuelle Beispiele sind Wissam Ben Yedder (AS Monaco), Quincy Promes (Ajax Amsterdam) oder Pablo Sarabia (PSG), die vor der Saison 2019/20 mehr als 100 Mio. € in die Kassen der Andalusier spülten.

Doch wie schafft es ein Sportdirektor sich einen solchen Status zu erarbeiten, dass daraus so etwas wie ein Mythos entsteht? Wir haben uns die Philosophie des 51-jährigen genaustens betrachtet und analysiert, was seine Herangehensweise so besonders macht!

2. Die Grundpfeiler des Erfolgs

Die Hauptzutaten seines Erfolgsrezepts klingen ganz einfach: harte Arbeit und Kontakte pflegen! Nach dem Motto „Success is only ahead of work in the dictionary” sieht er seine Aufgaben als Sportdirektor in erster Linie darin, die Spieler und den Trainer bestmöglich beim Gewinnen der Spiele zu unterstützen, sowie Spieler zu kaufen und zu verkaufen. Die Philosophie des Andalusiers basiert auf drei Grundpfeilern:

  1. Eine Richtung: Alle Bereiche des Clubs arbeiten gemeinsam für den Erfolg des Clubs.
  2. Planung: Immer vorbereitet sein, keine Improvisation zulassen und klare Ziele definieren.
  3. Teamwork: Der Leader der Gruppe ist ohne seine Teammitglieder nichts wert.

Interessant ist die Herangehensweise, wie Monchi als Führungsperson mit den Resultaten seiner und der Arbeit seines Team umgeht. Bei schlechten Ergebnissen nimmt er die Schuld komplett auf sich. Bei mittelmäßigen Resultaten hat es die Gruppe ist die Gruppe gemeinsam verantwortlich und bei guten Resultaten kommuniziert er offen, dass die anderen dafür zuständig waren. Dadurch schafft er Vertrauen und fördert die Eigeninitiative seiner Mitarbeiter.

3. Das Scouting

Monchi unterteilt das Scouting in zwei Bereiche: Das sogenannte Brutto-Scouting findet ca. von Juli bis Dezember statt und das Netto-Scouting von Januar bis Mai/Juni. Grundsätzlich gilt hierbei die Devise, dass der Sportdirektor und die Scouting-Abteilung komplett eigenständig arbeiten, ohne die Arbeit mit dem Trainer abzustimmen. Dieser soll sich voll und ganz auf die Arbeit mit der Mannschaft und das Gewinnen von Spielen konzentrieren.

Besonders bekannt ist der ehemalige Torhüter für sein cleveres Händchen auf dem französischen Markt. In den letzten Jahren konnten er und seine Scouts dort einige talentierte Akteure identifizieren und nach erfolgreichen Jahren in Sevilla mit großem Gewinn weiterverkaufen. Clement Lenglet wurde 2017 für 5.4 Mio. € vom Zweitligisten AS Nancy verpflichtet und nur ein Jahr später für 35.9 Mio. € an den FC Barcelona abgegeben. Grzegorz Krychowiak kam 2014 von Stade Reims (5.5 Mio. € Ablöse) und wechselte zwei Jahre später für 27.5 Mio. € zu Paris St. Germain.

Im letzten Sommer wurden mit den Innenverteidigern Jules Koundé (Stade Rennes) und Diego Carlos (FC Nantes) sowie Offensivstar Lucas Ocampos (Olympique Marseille) drei Akteure aus der französischen Ligue 1 verpflichtet, die in ihrer ersten Saison bereits zu absoluten Stammspielern geworden sind und durch starke Leistungen überzeugen konnten.

Brutto-Scouting:

Jeder Scout verfolgt in seinem Land/Bereich so viele Spiele wie möglich, ohne dabei ein konkretes Ziel zu haben. Monchi verfolgt die Strategie, dass alle Positionen ohne konkretes Ziel gescoutet werden, da er in der Vergangenheit bereits häufig mit unerwarteten Abgängen zu tun hatte, die er aufgrund fehlender Vorbereitung nicht adäquat ersetzen konnte. Das soll durch diese Herangehensweise vermieden werden.

Pro Monat erstellt jeder Scout seine individuelle Top11 mit einer Auswahl der besten Spieler für jede Position. Dabei gilt es zu beachten, dass die Top11 realistisch sein muss (z.B. sollten die Spieler in das Budget passen). Zu Beginn des Brutto-Scoutings werden so viele Spieler wie möglich analysiert (Jul.-Sep.), danach ca. 4-5 Spieler pro Begegnung, um detaillierter zu arbeiten (Okt.-Dez.). Dabei unterteilt Monchi die Ligen wie folgt:

  • A: Nationale Ligen mit höchster Priorität (z.B. Bundesliga, Ligue 1, Serie A) à monatliche Top11 für jede Liga
  • B: Weitere nationale Ligen (z.B. Ekstraklasa, MLS, Liga MX) à monatliche Top11 aller Ligen
  • C: Internationale Turniere (WM/EM, Gold Cup, Afrika Cup) à Top11 für jedes Turnier

Ein spannender Ansatz ist, dass die Ligen der Kategorie B nicht über die nationalen Ligen, sondern durch das Scouting der Nationalteams erfolgt – von der 1. Mannschaft bis zur U18 des jeweiligen Landes. Der Sportdirektor der Sevillistas ist davon überzeugt, dass die jeweiligen Nationaltrainer einen bestmöglichen Job machen und er sich deren Arbeit somit zu Nutze machen kann.

Netto-Scouting:

Im Netto-Scouting werden die Spieler, die durch das Brutto-Scouting ausgewählt wurden, intensiv gescoutet. Monchi legt dabei großen Wert auf zwei Aspekte. Erstens soll das Scouting in möglichst vielen verschiedenen Situationen stattfinden, damit ein möglichst komplettes Bild des Spielers entsteht: Heimspiele und Auswärtsspiele, gegen starke und gegen schwache Gegner sowie internationale Duelle spielen eine Rolle. Zweitens soll das Scouting von verschiedenen Scouts erfolgen. Demzufolge darf ein Scout während des Netto-Scoutings nicht mehr die Spieler der Liga beurteilen, um die er sich bereits im Brutto-Scouting gekümmert hat. Dadurch soll eine hohe Zahl an unterschiedlichen Meinungen entstehen, die alle in die finale Beurteilung des Spielers einfließen. Insgesamt wird jeder Spieler sechs bis sieben Mal gescoutet.

Wie bereits oben erwähnt ist Monchi besonders in Frankreich aktiv – aus den hier abgebildeten Ligen hat er die meisten Spieler transferiert (exklusive Leihen und ablösefreie Spieler):

  1. La Liga: 27 Transfers – Durchschnittsablöse 5.16 Mio. Euro
  2. Serie A: 20 Transfers – Durchschnittsablöse 10.97 Mio. Euro
  3. Ligue 1: 17 Transfers – Durchschnittsablöse 10.20 Mio. Euro
  4. Eredivisie: 8 Transfers – Durchschnittsablöse 10.10 Mio. Euro
  5. Premier League: 8 Transfers – Durchschnittsablöse 6.54 Mio. Euro

Auffällig: gerade innerhalb Spaniens hat der Andalusier Monchi selten teure Spieler verpfichtet, zumeist waren es Ergänzungsspieler. Bezeichnend dafür ist, dass der teuerste La Liga Spieler Steven N’Zonzi war, den er als Sportdirektor bei der AS Rom verpflichtete.

Aus der Bundesliga holte Monchi nur 5 Spieler, die bekanntesten dürften Rakitic und Ciro Immobile sein.

4. Die Spielerauswahl

Erst nach dem intensiven Scouting der relevanten Spieler wird im April der Trainer mit einbezogen. Monchi stellt hierbei klar, dass der Trainer eine Liste an Profilen in Auftrag gibt, die er nach seiner fachkundigen Meinung zur Verbesserung des Teams benötigt. Anhand der gewünschten Profile wählt der Sportdirektor gemeinsam mit seinen Scouts geeignete Spieler, die den Vorstellungen des Coaches entsprechen. Aus Anfangs mehr als 500 Spielern (während des Brutto-Scoutings) entsteht so eine Liste aus ca. 6-8 Spielern pro Position, die dem Trainer mit Hilfe von Videos vorgestellt werden.

Neben den klassischen Faktoren (physische, technische und taktische Fähigkeiten) sowie den psychologischen Profilen der Spieler haben für Monchi die folgenden Kriterien eine immense Bedeutung bei der Beurteilung und Auswahl geeigneter Profis:

  • Ökonomische Konditionen: Dazu zählen Spielerwert, aktueller Preis, mögliche Ausstiegsklauseln und das Gehalt über die Laufzeit des Vertrags.
  • Zeit zur Eingewöhnung: Ist der Spieler eine sofortige Verstärkung? Kann der Spieler unter anderen Voraussetzungen (Druck, Fans, Medien) seine Leistung abrufen?
  • Zukünftige Wertsteigerung: Hier arbeitet Monchi nach der 70/30-Regel, d.h. 30% der Neuzugänge sollten sofort performen und bei 70% liegt der Fokus eher auf einer Entwicklung und Wertsteigerung.

Damit sich die Neuzugänge beim FC Sevilla so schnell wie möglich an den neuen Club bzw. die neue Liga anpassen können, konzentriert sich Monchi in dieser Phase mehr auf die Person als auf den Fußballspieler. Um zu gewährleisten, dass der Fokus des Sportlers zu 100% auf dem Platz liegt, sieht der Sportdirektor drei entscheidende Schlüssel:

  1. Wissen über den Club: Der Neuzugang muss von Clubseite über die Philosophie, Geschichte, Stadt, Rivalitäten und Medien seines neuen Vereins informiert werden.
  2. Charakter des Spielers: Die Clubseite muss über das Umfeld, die Familie sowie Traditionen, Hobbies und Gewohnheiten des Neuzugangs Bescheid wissen.
  3. Vorstellung: Die Vorstellung des Spielers muss makellos geplant werden und es dürfen keine großen Statements gemacht werden, die den Spieler unnötig unter Druck setzen würden.

Die Top 11 aus Monchis besten Transfers in 20 Jahren  als Manager ist gespickt mit Topspielern. Allen voran sticht Ivan Rakitic hervor –  den Mittelfeldmotor konnte Monchi im Januar 2011 deutlich unter Marktwert für gerade einmal 2.5 Mio. Euro von Schalke 04 verpflichten! Noch beeindruckender ist jedoch die Transferhistorie von Dani Alves. Der spätere Weltklasse Rechtsverteidiger kam für etwa 1 Mio. Euro aus Brasilien, nutzte wie Rakitic und Clement Lenglet die Andalusier als Sprungbrett in die Weltspitze beim FC Barcelona. Doch auch die restlichen acht Spieler dieser Top 11 legten bei Sevilla eine tolle Karriere hin, die vor ihrem Transfer nicht unbedingt absehbar war.

Monchi erkennt das gewisse Etwas.

5. Big Data und künstliche Intelligenz

Zur Kaderplanung und stetigen Verbesserung seiner Scouting-Strategie setzt Monchi seit Jahren auf Big Data und künstliche Intelligenz. Genau wie wir, ist er davon überzeugt, dass Fußballclubs in Zukunft nur erfolgreich sein können, wenn sie sich intensiv mit neuen Technologien auseinander setzen und diese für sich nutzen. Inzwischen gibt es beim FC Sevilla eine eigene Abteilung, die sich speziell mit der Sammlung und Auswertung von Daten beschäftigt. Der Club aus Südspanien konzentriert sich dabei auf drei relevante Felder:

  1. Scouting: Es werden exakte Parameter definiert, welche Fähigkeiten ein potenzieller Neuzugang besitzen muss, um von Anfang an irrelevante Spieler aus der Vielzahl an Akteuren auszuschließen.
  2. Prävention von Verletzungen: Daten zu Faktoren wie Schlaf, Essen, Belastung und Platzverhältnissen werden gesammelt, um bei Verletzungen Muster zu erkennen und diese anschließend zu vermeiden.
  3. Transfermarkt: Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz soll vorhergesagt werden, wann der beste Zeitpunkt für den Ein- oder Verkauf eines Spielers ist. Dabei werden u.a. Faktoren wie die Tabelle, Verletzungen und Beziehungen zu Mitspielern oder dem Trainer berücksichtigt.

Als Folge der Auswirkungen durch die Corona-Pandemie (eingeschränkte Reisemöglichkeiten, wenig/keine Zuschauer vor Ort) muss der FC Sevilla seine Strategie für die nächsten Monate anpassen und wird vermutlich in Zukunft noch mehr auf Daten setzen (müssen). Monchi und andere Sportdirektoren sollten die aktuellen Herausforderungen als Chance sehen, um eine nachhaltige Transferpolitik zu etablieren. Wenn zunächst Videos und vor allem Daten für eine Vorselektion genutzt werden und das Live-Scouting erst im letzten Schritt erfolgt, können sowohl die Personalkosten als auch die zeitintensiven Reisen reduziert werden – ohne dabei an Qualität zu verlieren!

6. Fazit

Durch harte Arbeit, eine langfristige Strategie und die Verwendung moderner Technologien hat Monchi es seit dem Jahr 2000 geschafft, aus einem bankrotten Zweitligisten eines der spannendsten Teams in Europa zu machen. Ganz nebenbei hat er dabei den Rekord von insgesamt 5 Titeln in der Europa League (zuvor UEFA Cup) aufgestellt und steht mit seinen Sevillistas auch im Jahr 2020 im Finale des Wettbewerbs.

Doch auch beim Transfer Wizard ist nicht alles Gold was glänzt. Gerade während seinem zweijährigen Intermezzo bei der AS Rom floppten einige seiner teuren Einkäufe wie Patrick Schick (42 Mio. €), Steven N‘Zonzi (26.7 Mio. €) oder Javier Pastore (24.7 Mio. €) – dies sorgte für eine frühzeitige Entlassung. In kurzer Zeit hatte er den kompletten Verein inklusive Fans mit seinen doch recht eigenen Scouting Methoden und Transferentscheidungen gegen sich aufgebracht, weshalb es ihn zurück in die Heimat nach Sevilla zog. Doch auch bei den Sevillistas schlichen sich im vergangenen Sommer mit Rony Lopes, Maximilian Wöber, Oliver Torres und Munas Dabbur Flops im Wert von über 60 Mio. Euro ein, zudem hat man mit Luuk de Jong einen Spieler im Kader der nicht den technischen Anforderungen der Rot-Weißen unter Coach Lopetegui entspricht. Dieser wurde Anfang Juli 2019 als Cheftrainer eingestellt, besonders Lopes und Dabbur bekamen oftmals nichtmal Kaderplätze, beide haben den Verein bereits wieder verlassen. Es bleibt also spannend wie Sevillas Sportdirektor diesen Transfersommer gerade auch in Bezug auf die Coronakrise managen wird!

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