Spielanalyse

FC St. Pauli vs. Holstein Kiel

FC St. Pauli vs. Holstein Kiel 2:1 (0:0), Millerntor-Stadion, 26.08.2019

Grundordnung St. Pauli

Der FC St. Pauli startete mit drei Veränderungen im Vergleich zum vorherigen Spiel in Stuttgart (1:2). Die Neuzugänge Penney und Lawrence komplettierten mit Routinier Kalla sowie dem gelernten Außenverteidiger Buballa und Flügelspieler Miyaichi die Fünferabwehrkette. Davor agierte der junge Becker, der diesmal als tiefer Spielmacher eingesetzt wurde etwas zurückgezogen im Vergleich zu Marvin Knoll.

Grundordnung Kiel

Holstein Kiel legte das Projekt Dreierkette vorerst ad acta und baute auf das bewährte 4-3-3, das gegen den KSC zu mehr Spielkontrolle führte. Hinzu kamen gleich mehrere personelle und positionsspezifische Änderungen. Neuzugang Salih Özcan bildete gemeinsam mit Mühling und Sander ein sehr variables Dreier-Mittelfeld, das stetig verschob und Dreiecke bildete. Insbesondere Lee, der erneut als falsche Neun agierte, half dabei. Mit Lauberbach war diesmal von Beginn an eine andere Komponente im Spiel, er erhielt den Vorzug vor Serra, Iyoha und Atanga. Nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Sander (27′) rückte Serra ins Sturmzentrum, Lee orientierte sich dadurch etwas tiefer, blieb jedoch seiner Rolle als falscher Neuner treu.

Spielanalyse

Eine starke Kombination von Becker, Miyaichi und Diamantakos führte zur ersten Großchance der Partie. Van den Bergh fokussierte sich dabei zu sehr auf seinen linken Flügel und übersah das Vorrücken von Wahl und Neumann. Dabei hob er nicht nur das Abseits auf, sondern bot St. Pauli Räume an, die sie geschickt nutzten. Hinzu kam das schwache Zweikampfverhalten von Baku im 1 gegen 1 mit Ryo Miyaichi, der an ihm vorbeizog und auf Diamantakos ablegte. Generell hatten die Gäste Probleme mit dem quirligen Japaner, der – durch Jan-Philipp Kalla abgesichert – offensiv Akzente setzen konnte. Holstein ging unterdessen wie bereits gegen Karlsruhe Tempo verloren, das Aufbauspiel war zu langsam und ein ernsthaftes frühes Gegenpressing war nicht zu erkennen.

Beide Trainer wechselten in der Pause das System und Personal. Bei den Hausherren kam Lankford für den gelb-vorbelasteten Kalla. Miyaichi rückte wie bereits in Stuttgart auf die Rechtsverteidigerposition. Ein Standard inklusive zögerlichem Herauslaufen von Kiels Keeper Reimann bedeutete das 1:0, woraufhin sich St. Pauli zurückzog und gänzlich auf Konter verlegte.

Holstein brachte bereits zum Wiederanpfiff David Atanga für Lauberbach und richtete sein System offensiver aus. Nach dem 0:1 übernahmen die Störche die Spielkontrolle und den Spielrhythmus und kamen folgerichtig zu zwei Top-Chancen durch Lee (57′) und Serra (60′), die sie allerdings nicht verwerteten. Eine halbherzige Flanke mit dem schwächeren rechten Fuß von van den Bergh konnte von Knoll geklärt werden und leitete den Konter ein, auf den St. Pauli die gesamte zweite Hälfte gelauert hatten. Diamantakos bewies Übersicht und setzte den kreuzenden Conteh geschickt ein, der mit seiner enormen Geschwindigkeit für Routinier Ignjovski nicht zu halten war. Eiskalt vollendete er zum 2:0. Luhukay reagierte und brachte sofort den defensivorientierten Hoffmann für den spielstarken Becker. Kiel verlagerte seine Spielanlage nun in gänzlich in die gegnerische Hälfte und fing an, St. Pauli stärker anzulaufen, um den Ball zurückzuerobern. Für den neutralen Zuschauer war es nicht ersichtlich, warum man nicht bereits zuvor situativ gepresst hat, da die technischen Unzulänglichkeiten einiger Paulianer (vor allem Penney/Ballverarbeitung und Lawrence/überhastete Befreiungsschläge) unübersehbar waren.

Unter Druck kam St. Pauli kaum zu mehr als drei zusammenhängenden Pässen, leistete sich jedoch keine individuellen Schnitzer im Spielaufbau. Bemerkenswert war die Lauffreudigkeit der Kiel-Stürmer Baku, Serra, Lee und Atanga in Ballbesitz, die ständig die Position wechselten, horizontal pendelten und immer wieder Chipbälle in die Lücken zwischen Außen- und Innenverteidiger forderten. Leider wurden kaum solche Bälle gespielt. Ein weiteres Manko war fehlender Mut im letzten Drittel. Wurden Özcan oder Lee dort angespielt, ließen sie häufig klatschen oder sicherten den Ball, obwohl ein Aufdrehen oder ein One-Touch-Pass möglich gewesen wäre. Trotz der klaren Überlegenheit im technischen Bereich und viel Ballbesitz ab der 66′ Minute (0:2) konnte Holstein so kaum Großchancen kreieren. Ein schöner Schlenzer von Baku brachte zumindest den Anschlusstreffer. Mit mehr Mut zu Steckpässen oder Chipbällen, wäre für die Nordlichter etwas Zählbares möglich gewesen.

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