Analytics

NEXT-GEN NATIONS

  1. Einleitung
  2. Norwegische Offensivpower
  3. Türkische Verteidigungskünstler
  4. US-amerikanische Exportschlager
  5. Hakimi und Doppelstaatsbürger

.

1. Einleitung

Während einige Nationen wie Deutschland, Frankreich oder Spanien aus einem schier unerschöpflichen Pott talentierter Jugendspieler wählen können und zudem von der starken heimischen Liga profitieren, gibt es viele Nationen, die auf besonders starke Jahrgänge angewiesen sind, um Erfolge (teils schon die Qualifikation für ein Turnier) feiern zu können. Ein klassisches Beispiel sind die griechischen Europameister von 2004 – seit 2014 wartet man auf die Qualifikation für eine Europa- oder Weltmeisterschaft, ohne eine „goldene Generation“ schafft man nicht einmal den Cut für diese Turniere, ein Sieg ist fernab der Realität. Mittlerweile träumt man allerdings von den nächsten Erfolgen um die Youngster Mavropanos oder Tzolis, die wir in unserem Podcast analysiert haben.

In diesem Blogartikel werfen wir einen Blick auf vier weitere Nationen, denen ein zu geringer Fokus auf den Nachwuchs und eine schwache heimische Liga in den letzten Jahren mehr oder weniger zum Verhängnis wurde – nun begeistern Talente wie Haaland, Reyna oder Hakimi Europas Fußballfans und bilden das Fundament für eine erfolgreiche Generation ihres Heimatlandes!

.

2. Norwegische Offensivpower

Erst viermal konnte sich die Nationalmannschaft Norwegens für eine Europa- bzw. Weltmeisterschaft qualifizieren, zum ersten Mal im Jahre 1938 und danach dreimal zwischen 1994 und 2000. Die letzte erfolgreiche Phase war geprägt von Spielern wie Erik Thorstvedt, Tore André Flo, John Carew und dem bislang wohl größten norwegischen Spieler aller Zeiten – Ole Gunnar Solskjaer.

Doch jetzt, nach Jahren voller Tristesse, in denen Joshua King oder Havard Nordtveit die Stars der Mannschaft waren, will man mit Erling Haaland als Zugpferd endlich sportlich durchstarten. Den 21-jährigen Stürmer, aktuell in Dortmund unter Vertrag, müssen wir wohl kaum gesondert vorstellen, füllt er doch durch seine atemberaubenden Leistungen (68 Tore in 67 Spielen für den BVB) Tag für Tag die Gazetten der Welt – ein zeitnaher Vereinswechsel ist nur noch Formsache. Der wuchtige Mittelstürmer verkörpert den idealen Stürmertypen des modernen Fußballs, kombiniert seine Physis mit Tempo und Abschlussstärke (4.5/90 Minuten, Höchstwert in der Bundesliga).

Gefüttert werden soll eben jener Haaland vorrangig durch Offensivkollege Martin Ødegaard. Der zentrale offensive Mittelfeldspieler wechselte 2015 mit nur 16 Jahren von seinem Jugendverein Strømsgodset IF für eine Ablöse von 2.8 Millionen Euro nach Real Madrid, konnte sich nach diversen Leihen (unter anderem nach San Sebastian) aber nicht bei den Galaktischen durchsetzen – es folgte ein 35 Millionen Euro Wechsel zum FC Arsenal. Besonders auffällig sind die zielgenauen Pässe des Linksfußes im letzten Drittel. Mit seiner Übersicht findet er immer wieder die Schnittstelle in der Verteidigungslinie, kommt im Schnitt auf über zwei Steckpässe/90 Min.

Zudem wird die Offensive vom in Leipzig gescheiterten Alexander Sörloth belebt, der besonders aufgrund der Flankenaffinität des Teams von Trainer Stale Solbakken (v.a. durch Feyenoords Pedersen) ein wichtiger Bestandteil des Teams ist – im Vergleich zu Haaland gewinnt er deutlich häufiger das direkte Kopfballduell (über 60% erfolgreiche Luftzweikämpfe in der La Liga 21/22). Zudem bereichern der Frankfurter Jens-Petter Hauge und der Neu-Lütticher Aaron Dönnum mit ihren Tempodribblings und genauen Abschlüssen die Flügelpositionen – besonders Letzterer hat vor seinem Transfer nach Belgien in diesem Sommer in der norwegischen Liga mit 11.7 Dribblings pro 90 Minuten einen klaren Bestwert aufgerufen.

Östigard rockt die Championship

Doch Trainer Solbakken, seit fast einem Jahr im Amt, welches er nach sieben Jahren und drei Meisterschaften mit dem FC Kopenhagen übernahm, setzt bei der Løvene trotz weiteren spannenden Offensivspielern wie Genks Thorstvedt (tolle Passanlagen, ähnlich zu Ødegaard) nicht nur auf die Offensive, auch im Defensivsektor hat man endlich wieder höchst talentierte Youngster im Aufgebot!

Innenverteidiger Kristoffer Ajer, erst in diesen Sommer für 15.7 Millionen Euro von Celtic Glasgow zum Premier League Aufsteiger FC Brentford gewechselt, gilt als Hoffnungsträger – nur 6 Gegentore (4 davon gegen die Türkei) fing man in neun Qualifikationsspielen zur Weltmeisterschaft. Neben Körperlichkeit im Boden- und Luftzweikampf bringt der 23-jährige auch Qualitäten im Aufbauspiel mit, hat allerdings noch große Probleme dies in die neue Liga und auf hohes internationales Niveau zu transportieren (das dominate Spiel Celtics kam ihm sehr gelegen). Sein künftiger Nebenmann dürfte der Ex-St. Paulianer Leo Östigard werden, der bei seiner bereits dritten Leihstation bei Stoke City als einer der kopfballstärksten Verteidiger der Championship beeindruckt und auch im progressiven Passspiel immense Fortschritte macht; perfekte Voraussetzungen um sich ab Sommer im technisch anspruchsvollen Spiel seines Stammclubs aus Brighton beweisen zu können.

.

Im zentralen defensiven Mittelfeld ist Solbakken derzeit durchaus beschränkt in seiner Auswahl, der hochveranlagte Sander Berge konnte in Sheffields Abstiegssaison nicht mit Leistung glänzen, wurde dementsprechend seit über einem Jahr nicht fürs Nationalteam berufen und fehlt zudem bereits seit fast zwei Monaten verletzt – wie auch Alkmaars Frederik Midtsjö. Somit sind derzeit besonders der in Norwich stark aufspielende Mathias Normann (offensivstarker Box-to-Box Midfielder; sehr viele Abschlüsse) und Sampdorias Morten Thorsby gefragt.

Gegen stärkere Teams spezialisiert sich Norwegen mit Haaland in der Sturmspitze auf das Konterspiel, gegen alle weiteren Nationen nutzt man besonders das Spiel über die kreativen Ødegaard und Thorstvedt und die dribbelstarken Flügelspieler. Trotz alledem kann das 0:0 gegen Lettland und das alles entscheidende Spiel gegen die Niederlande die erfolgreiche WM-Qualifikation kosten.

:

3. Türkische Verteidigungskünstler

Ein Gegner der Norweger in der WM-Qualifikation war die wohl schlechteste Mannschaft der Europameisterschaft 2020 – obwohl man von vielen im Vorfeld des Turniers als Geheimfavorit gehandelt worden war und dann chancenlos in der Gruppenphase ausschied. Und dennoch kann man dank einer großen Anzahl an Talenten zuversichtlich in die Zukunft schauen, nur der englische Turnierkader war noch knapp jünger als der der TFF (25.6 Jahre im Schnitt). Dies hängt unter anderem auch mit der reinen Anzahl an türkischen Kindern zusammen – die Geburtenrate im Land ist fast doppelt so hoch wie in Deutschland!

Die aussichtsreichsten Talente der Ay-Yildizlilar findet man in der Defensive: Mit 25 Jahren ist Ugurcan Cakir vom Topteam aus Trabzon ein durchaus junger Stammtorhüter für ein Nationalteam, doch seine Werte in der abgelaufenen Süper Lig Saison sprechen für sich – die beste Fangquote und die mit Abstand meisten verhinderten Tore nach expected Goals (erwartete Tore). Nach der Europameisterschaft haben sich seine Daten, wie bei vielen anderen türkischen Spielern auch, verschlechtert, dennoch gehört er nach wie vor zu den talentiertesten Torhütern Europas. Hinter ihm lauern die sehr jungen Destanoglu (Besiktas, 20 Jahre), Bayindir (Fenerbahce, 23 Jahre) und Alemdar (Rennes, 19 Jahre) auf ihre Chance!

Blickt man auf die Innenverteidigerposition, hat Stefan Kuntz auf Dauer die Qual der Wahl. Leicesters Caglar Söyüncü dürfte wohl vorerst gesetzt sein, zu seiner robusten Spielweise, die noch aus Freiburger Zeiten bekannt ist, konnte er sich besonders mit dem Ball weiterentwickeln – auch wenn er wohl nie der klassische Ball Playing Defender mit tollem Spiel in die Tiefe sein wird. Neben ihm durfte zuletzt Merih Demiral (von Juventus zu Atalanta ausgeliehen, Kaufoption 25 Millionen) performen, der in dieser Saison endlich zu seiner Frühform in Turin zurückfinden konnte (beste Defensivzweikampfquote der Serie A 21/22; 79%). Doch auch er ist im progressiven Spiel sehr limitiert, dementsprechend stark muss der Spielaufbau durch die zentralen defensiven Mittelfeldakteure geprägt werden. Mit dem Ex-Schalker Ozan Kabak (21 Jahre, zu Norwich ausgeliehen), Ravil Tagir (18, Basaksehir), Cenk Özakar (21, von Lyon nach Leuven verliehen) hat man weitere potentielle Stammkräfte in der Hinderhand. Interessant, dass sowohl Söyüncü, aber auch Tagir und Özakar Teile ihrer Jugend beim Ausbildungsclub Altinordu verbrachten.

Auch auf den Außenverteidigerpositionen sind sowohl der flexible Wiener Mert Müldür (kann rechts und links auflaufen), aber auch Zeki Celik und Ridvan Yilmaz vielversprechend (kommende) Leistungsträger der Türken. Besonders die beiden Erstgenannten haben ihre Stärken im Offensivspiel, auch wenn besonders die Flanken sowohl im Club, als auch im Nationalteam selten Abnehmer finden. Celik gilt darüber hinaus als extrem aggressiv, liebt das defensive Tackling und sammelt einige Karten – er kann das Team im Umbruch als Leader unterstützen. Yilmaz hingegen gilt als typischer Fullback, wägt seine Angriffsmomente geschickt ab und verschafft Besiktas dementsprechend Sicherheit auf seiner linken Seite.

Kökcü und Özdemir als Hoffnungsträger im Spielaufbau

Für den eben angesprochenen Spielaufbau aus dem Mittelfeld könnte in Zukunft Berat Özdemir (23, Trabzonspor) stehen, der durch den neuen Nationaltrainer erst Anfang Oktober zu seinem Debüt im Nationaldress kam. Özdemir, als tiefer Spielmacher beim Hauptstadtclub Genclerbirligi Ankara ausgebildet, schafft es regelmäßig sowohl mit kurzen, als auch langen genauen Bällen (knapp 90% Passquote) die Mitspieler im letzten Drittel in Szene zu setzen und zeitgleich dank ordentlichem Stellungsspiel den Defensivverbund abzusichern. Derzeit steht er in großer Konkurrenz zu Feyenoords Mittelfeldmaestro Orkun Kökcü, der seine komplette fußballerische Erziehung in den Niederlanden genoss (geboren nahe Amsterdam) und dementsprechend technisch auf höchstem Niveau agiert. Er agiert häufig aus der Tiefe des Raumes, glänzt mit einer exzellenten Passqualität im progressiven Spiel und schaltet sich sehr regelmäßig (2+/90 Min.) per Fernschüssen in den Angriff mit ein.

Dort, in der türkischen Offensivabteilung, lebt man derzeit von der Gallionsfigur Burak Yilmaz, der mit seinen 36 Jahren allerdings nicht mehr lange verfügbar sein dürfte – sein Nebenmann bei den nordfranzösischen Doggen, Yusuf Yazici, war im Meisterjahr ein Schlüsselspieler in Galtiers 4-4-2 System, gab weit mehr als 2 Torschussvorlagen pro 90 Minuten (Top 10 Wert in den Topligen). Doch seit der schwachen EM und dem Antritt von Lilles Neu-Trainer Jocelyn Gourvennec kommt der Linksfuß nicht in Tritt, wurde für die aktuellen Länderspiele demnach nicht nominiert. Seine Variabilität auf dem Feld wird derzeit unter anderem von der jungen Galatasaray Gruppierung um Berkan Kutlu, Kerem Aktürkoglu, Baris Yilmaz und Halil Dervisoglu aufgefangen – letzterer traf gegen Gibraltar doppelt. Darüber hinaus kann die Türkei sich auf einen in Marseille wiedererstarkten Cengiz Ünder freuen, derzeit steht er bei 4 Ligue 1 Treffern und gehört zu den erfolgreichsten Dribblern der Liga. Er gehört wie Abdülkadir Ömür zur technisch exzellent ausgebildeten Jugend des Landes, auch wenn der Hype um den Spielmacher Trabzonspors aufgrund diverser Verletzungen und schwachen Leistungen abgenommen hat.

Aus deutscher Sicht blickt man zudem gespannt auf die weitere Entwicklung Güven Yalcins (Ex-Leverkusen Jugend) und Ahmed Kutucus (Ex-Schalke), allerdings ist die Konkurrenz um Enes Ünal und Co. im Hinblick aufs Nationalteam stark. Neben dem Neu-Frankfurter Ali Akman und dem Neu-Bielefelder Burak Ince kann besonders die Entwicklung des Leverkusener Neuzugangs Zidan Sertdemir (16, 2.5 Mio. Euro Ablöse) die Türkei langfristig hervorragend aufstellen! Der aus Dänemark verpflichtete Box-to-Box Midfielder kommt in der Bayer U19 unter anderem bereits auf sechs Tore und zwei Vorlagen in zehn Spielen.

Stefan Kuntz, seit Anfang Oktober im Amt, verhalf der deutschen U21 im Sommer zum EM-Titel – vor allem dank einer gut formierten Abwehrkette, die kaum Treffer zuließ. Auch in der Türkei wird er wohl mit einem ähnlich zurückhaltenden Ansatz versuchen das Minimalziel WM-Playoffs noch zu erreichen.

:

4. US-amerikanische Exportschlager

Die Vereinigten Staaten waren seit 1990 mit der Ausnahme von 2018 an jeder Weltmeisterschaft vertreten – jedoch war der Erfolg bis auf ein Viertelfinale 2002 mehr als überschaubar für eine Nation mit über 300 Mio. Einwohnern. Zu wenige Spieler des Nationalteams waren in der Vergangenheit Stammspieler bei europäischen Top-Clubs, aktuell sieht dies aber ganz anders aus: Der US-Amerikaner ist ein heißer Exportschlager, diverse Nationalspieler spielen regelmäßig in der Champions League und stehen bei europäischen Topclubs unter Vertrag! Die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2022 ist dank einer übermächtigen Mannschaft und recht harmlosen Gegnern in der CONCACAF Gruppe bereits nahezu geschafft.

Pulisic und Adams als junge Leitfiguren

Doch als wäre dies nicht genug, so ist der Kern der Mannschaft auch noch blutjung und äußerst entwicklungsfähig! Im aktuellen Kader für die Spiele gegen Mexiko (27.1 Jahre im Schnitt) und Jamaika liegt das Durchschnittsalter der Feldspieler bei gerade einmal 21.7 Jahren – nur sechs Feldspieler sind älter als 24 Jahre! Der große Star und Hoffnungsträger einer ganzen Nation ist dabei Christian Pulisic, der sich mit seinen erst 23 Jahren bereits Champions League Sieger mit dem FC Chelsea nennen darf, Kapitän ist der Leipziger Tyler Adams mit 22 Jahren.

Doch die beiden in Deutschland bestens bekannten Youngster sind bei weitem nicht alles, was die „Soccer Boys“ aktuell zu bieten haben. Während das Tor von Manchester Citys Ersatztorwart Zack Steffen, mit 26 Jahren noch sehr jung für einen Keeper, gehütet wird, so geht es der Viererkette direkt weiter mit Bundesligapower! Hoffenheims Chris Richards gilt als eines der größten Talente des Landes, eine herausragende Technik im Passspiel und die große Qualitäten in der Balleroberung gehören neben einem quicken Antritt zu seinen Hauptstärken. Doch auch Miles Robinson, derzeit noch in der Heimat bei Atlanta United unter Vertrag, sowie Mark McKenzie aus Philadelphia und der Anfang 2021 kurzzeitig an den FC Bayern verliehene Justin Che vom Münchner Partnerclub aus Dallas erfüllen die Kriterien eines modernen Innenverteidigers – Physis, Technik, Tempo.

Temporeich geht es auch auf den Außenverteidigerpositionen zu, mit Sergiño Dest vom FC Barcelona hat sich ein 20-jähriger Niederländisch-Amerikanischer Doppelbürger vor einem Jahr für die US-amerikanische Nationalmannschaft entschieden, was sehr für die Entwicklung der „Stars & Stripes“ spricht! In seiner ersten Saison für die Blaugrana war er bereits nicht mehr aus der ersten Elf wegzudenken, ist besonders im Offensivsektor dank Dribbling und Passspiel ein großer Mehrwert! Defensiv ist er jedoch einer der schwächsten Außenverteidiger der Liga. Auf der linken Seite ist derzeit Fulhams Antonee Robinson gesetzt, dessen Transfer zum AC Mailand 2020 aufgrund eines Herzproblems platzte – sein Offensivdrang (sehr viele akkurate Flanken, Abnehmer zumeist Mitrovic) steht sinnbildlich für den mutigen Ansatz von US-Coach Gregg Berhalter, der sein Team in der Regel in einem 4-3-3 mit nur einem Sechser auflaufen lässt. Mit Sam Vines (Antwerpen) und Reggie Cannon (Boavista) hat man noch einiges an Potential in der Hinterhand, auch der Gladbacher Joe Scally (zur CREATEFOOTBALL Analyse) agiert sehr progressiv und temporeich, hat aber im letzten Drittel noch Luft nach oben.

Im zentral defensiven Mittelfeld ist der bereits angesprochene Tyler Adams gesetzt, der mit seiner Laufstärke und defensiven Positionierung besonders wichtig für die Stabilität des Spiels der „Yanks“ ist. Besonders im Spiel gegen den Ball glänzt er durch „ekliges“ Zweikampfverhalten, lässt trotz körperlicher Unterlegenheit selten vom Gegenspieler ab und ist besonders in der Antizipation gegnerischer Pässe stark. Nach Ballgewinnen konnte er besonders unter Jesse Marsch eine hervorragende Spieleröffnung im Umschaltmoment in sein Repertoire implementieren – ohne Zeitverlust spielt er scharfe und akkurate, oft diagonale, Pässe auf die offensiven Flügelpositionen, ermöglicht so Gegenangriffe mit geringer Restverteidigung.

Aaronson Brüder stehen für Tanners Philosophie

Auf den beiden Halbpositionen der Acht und den beiden Flügeln rotiert Coach Berhalter fast nach Belieben, diverse Spieler kamen hier bereits zum Einsatz, die Qualitätsdichte ist wohl auf keiner Position derart hoch. Allen voran stehen Star Pulisic und der Dortmunder Giovanni Reyna – die wieder, typisch US-amerikanisch, über eine hervorragende Technik und viel Tempo verfügen. Darüber hinaus verfügt man mit Gianluca Busio (Venedig) und Weston McKennie (Schalke) über zwei moderne Achter, die mit hohen Laufleistungen weite Teile des Feldes, sowohl offensiv, als auch defensiv abdecken. Besonders Busio, der beim Serie A Aufsteiger auf Anhieb gesetzt ist, steht für immense Robustheit im Defensivverbund und verteilt dank höchster Passgenauigkeit und ständiger Verfügbarkeit die Bälle im Zentrum. Etwas weiter offensiv könnte da Brüderpaar Aaronson eine erfolgreiche Zukunft des Nationalteams mitprägen: während Spielmacher Brenden Aaronson nach starken Bundesligaavancen im Januar 2021 für lediglich knapp über fünf Millionen Euro nach Salzburg wechselte, bekommt der wohl noch talentiertere Bruder Paxten in Philadelphia unter der Leitung des deutschen Sportdirektors Ernst Tanner zu seinen ersten Profiminuten. Gemeinsam mit dem langjährigen Trainer Jim Curtin strukturierte Tanner das Franchise aus dem Osten des Landes von Grund auf neu, verzichtet quasi komplett auf die, für den US-Sport üblichen Draft-Picks, sondern investiert nach europäischem Vorbild strikt in die eigene Akademie – mit Erfolg! Gemeinsam mit den San Jose Earthquakes (um Supertalent Cade Cowell) stellt man derzeit die meisten Juniorennationalspieler in den U17 und U20 Camps (insgesamt 8). Die gesamte Erfolgsstory von „The Union“ gibt es in zwei Podcastepisoden (verfügbar auf allen Podcatchern) zu hören, die wir mit Ernst Tanner aufgenommen haben.

Doch auch der 18-jährige rechte Flügelspieler Yunus Musah, der für die USA immer wieder im offensiven Zentrum aufläuft, und im Sommer 2020 ablösefrei von Arsenal nach Valencia wechselte ist jetzt schon ein wichtiger Leistungsträger für Berhalter. Wird ihm in La Liga immer wieder die schwache Übersicht und der ungenaue Abschluss zum Verhängnis, so nutzt er seine Beweglichkeit im 1 vs 1 für die USA als Balltransporteur im Mittelfeld – ein taktischer Kniff der aufzugehen scheint. Zuletzt nicht fürs Nationalteam berufen wurde hingegen der serbisch-stämmige Djordje Mihailovic aus Montreal, der mit 13 Assists die meisten Tore der kompletten MLS vorbereiten konnte und zeitgleich die drittmeisten Chancen überhaupt kreierte (52).

Und auch die Sturmspitze gewinnt immer mehr an qualitativ hochwertiger Tiefe – zum einen kann man auf Target Man Daryl Dike zurückgreifen, der nach einer starken Rückrunde 20/21 mit dem FC Barnsley (9 Tore) zurück in Orlando ist. „The Tykes“ richteten ihr Spiel mit langen Bällen komplett auf Dike aus, aber konnten den bulligen Angreifer, der die drittmeisten Luftzweikämpfe der gesamten Liga betritt (20/90 Min., ordentliche 37% gewonnen) aufgrund des verpassten Aufstiegs nicht fest verpflichten. Mit dem 18-jährigen Ricardo Pepi, der in den ersten zwei seiner fünf Länderspiele bereits 5 Scorerpunkte verzeichnen konnte, hat man eines der größten Talente der USA mit der vielsagenden Nummer 9 ausgestattet. In der MLS 2021 kam der Angreifer, der durch die Kaltschnäuzigkeit und einen herausragenden rechten Fuß beeindruckt, beim FC Dallas zu 13 Ligatoren – Topscorer der „Frisco Kids“ ist allerdings Spielmacher und kongenialer Partner Jesus Ferreira (20), der dank seiner hervorragenden Übersicht, Passfertigkeiten und genauen Abschlüsse sowohl 8 Tore erzielen, als auch vorbereiten konnte.

.

Last but not least der französische Meister Timothy Weah, der dank seiner Variabilität und Antrittsgeschwindigkeit immer mehr aus dem Schatten seines berühmten Vaters treten kann. Auch die Ex-Bundesligaakteure Hoppe und Sargent befinden sich weiterhin im Orbit des Nationalteams.

Es ist klar zu erkennen, dass der Fußball in den USA in den letzten 5-10 Jahren ein unfassbares exponentielles Wachstum erlebt hat, dass unter anderem mit der Neustrukturierung der MLS ab 2015 und der Heim-Weltmeisterschaft 2026 (Vergabe 2018) zu erklären ist. Zwar wird man in den Staaten weiterhin als Randsportart wahrgenommen, doch diverse Talente entscheiden sich aufgrund besserer Gehälter, einer kompetitiveren heimischen Liga und möglicher Transfers nach Europa für eine Karriere im Fußball – und das Wachstum steht noch am Anfang!

.

5. Hakimi und die Doppelstaatsbürger

Vor vier Jahren konnte Marokko zum ersten Mal seit 1998 an einer Weltmeisterschaft teilnehmen und auch in der Qualifikation zum Turnier in Katar sieht es hervorragend aus – nach fünf Siegen aus fünf Spielen führt man Gruppe I mit weitem Abstand an. Einzig eine Playoffrunde mit Hin- und Rückspiel gegen einen der anderen Gruppensieger steht einer weiteren Teilnahme noch im Weg, aufgrund der, mit Leistungsträgern aus europäischen Clubs bestückten Truppe, wohl nur Formsache. Und dennoch spaltet besonders die Trainerpersonalie Vahid Halilhodzic das Land – die Leistungsträger Hakim Ziyech und Noussair Mazraoui wurden aufgrund von „disziplinlosem und mannschaftsschädlichem Verhalten“ bereits seit mehreren Monaten nicht für die „Atlaslöwen“ berufen. Besonders Ajax-Rechtsverteidiger Mazroui, der im Club mit Offensivdrang glänzt, scheint seine Probleme mit dem, als engstirnig geltendem gebürtigem Jugoslawen zu haben; eine vorgetäuschte Verletzung und altmodische Trainingsmethoden sollen zwischen beiden Charakteren stehen. Eine Rückkehr Mazrouis ins Nationalteam unter dem 69-jährigen Coach scheint ausgeschlossen.

Doch auch Sassuolos neuer Sechser Abdou Harroui (bisher kein Einsatz für das A-Team), der Ex-Schalker Amine Harit (offiziell aus Leistungsgründen nicht nominiert) und Yassine Benrahou (Nimes; wartet trotz öffentlichem Druck auf eine Einladung zum Nationalteam) scheinen nicht in der Gunst Halilhodzics zu stehen – aus zwischenmenschlicher Sicht könnte der Trainer hemmend auf das Nationalteam einwirken, sportlich läuft es allerdings, wie oben dargestellt, hervorragend.

Kaum Nationalspieler in Marokko geboren

Der Star der Mannschaft ist natürlich Achraf Hakimi, geboren in Madrid und einer von unzähligen Doppelstaatsbürgern im Kader Marokkos – im letzten Spiel gegen den Sudan war Innenverteidiger Nayef Aguerd der einzige Spieler der Startelf, der nur die marokkanische Staatsbürgerschaft besitzt (nur er und Masina wurden im nordwestafrikanischen Land geboren)! Hakimi, ein klassischer Wing Back, der durch seine progressiven Tempoläufe und Dribblings regelmäßig gegnerische Abwehrreihen zur Verzweiflung bringt, dringt häufig tief bis zur Grundlinie durch und setzt von dort seine Teamkollegen in Szene. Immer wieder verteidigt er auch auf der linken Seite, der talentierte Sofiane Alakouch aus Metz bekommt dann die Chance auf Hakimis Stammposition.

Die defensive Zentrale der Löwen wird in der Regel durch Kapitän Romain Saiss und Nayef Aguerd gebildet, der sich seit seinem 4 Millionen Euro Transfer von Dijon zu Stade Rennes vor einem Jahr zu einem der stärksten Innenverteidiger Europas entwickelt hat! Kaum ein Spieler der Topligen kombiniert Robustheit im Zweikampf am Boden und in der Luft mit hervorragendem Stellungsspiel und exzellenten Passqualitäten so sehr wie der Linksfuß. Neben einer überragenden Passquote von fast 93% spielt der 25-jährige über 30 sehr genaue Bälle im Aufbauspiel nach vorne, ein Topwert! Keeper Bono, in unserer Torhüteranalyse 2020 der beste Rückhalt der Topligen, musste aufgrund der starken Abwehr 2021 nur einmal hinter sich greifen.

Im zentralen Mittelfeld ziehen vor allem der Florentiner Sofyan Amrabat und Watford-Neuzugang Imran Louza die Fäden, allerdings agieren beide Spieler in ihren Vereinen als Box-to-Box Midfielder, verbinden die Abwehr mit dem Angriff. Dank ihren progressiven Läufen und des äußerst genauen Passspiels Amrabats werden die Offensivkräfte im Zentrum, aber vor allem auf dem Flügel mit Zuspielen gefüttert, Louza dringt zudem häufig ins letzte Drittel vor und ist dementsprechend torgefährlich (7 Tore 20/21). Amrabat übernimmt oft den etwas tiefer stehenden Part, hat allerdings durchaus Probleme in der defensiven Zweikampfführung. Zudem steht mit Youssef Maleh ein weiterer Spieler der AC Florenz kurz vor seinem Länderspieldebüt, der die letzten beiden Serie B Saisons in Venedig sehr für seine Entwicklung nutzen konnte. Gegen starke Gegner könnte das recht offensive Mittelfeld Marokko zum Verhängnis werden.

Etwas offensiver sind der Frankfurter Aymen Barkok und Ilias Chair von den Queens Park Rangers starke Optionen in der Chancenkreation – gerade Chair, der in der vergangenen Championship Saison bei nur 4 Assists auf ganze 18 expected Assists kam! Häufig agiert er über flinke Tempodribblings und sehr genaue Flanken, die im besten Fall von Topstürmer Youssef En-Nesyri (18 Ligatore 20/21 für Sevilla) per Kopf verwertet werden. Der 24 Jahre alte Mittelstürmer nimmt, abgesehen von seinen Toren, jedoch kaum am Spiel teil, spielt im Schnitt weniger als 12 Pässe pro 90 Minuten. Er verkörpert den Stürmertypen des Poachers, zeichnet sich durch starke Positionierungen und geschickte Bewegungen im Strafraum aus, 16 seiner 18 Ligatore konnte er aus weniger als zehn Meter Torentfernung erzielen. Allerdings lag die Chancenverwertung des Angreifers in seiner Karriere noch nie über 30%. Durchschnittlich.

.

Darüber hinaus verfügt man besonders mit Selim Amallah über einen weiteren hochveranlagten Offensivspieler, seit der Saison 2019/20 kommt der Linkaußen auf 33 Torbeteiligungen (alle Wettbewerbe) für seinen Club Standard Lüttich. Als Inside Forward zieht er häufig mit Tempo zur Mitte und lässt die Gegenspieler mit seiner Technik aussteigen, wurde dementsprechend am zweithäufigsten in der gesamten Liga gefoult (3.6 mal/90 Min.). Um den Strafraum herum präferiert er den eigenen Abschluss über die Torschussvorlage. Ähnlich agiert auch Alkmaars Zakaria Aboukhlal, der von der linken Seite zum Zentrum zieht (erfolgreiche Tempodribblings), aber sehr ungenau im Abschluss agiert. Für das Zusammenspiel mit En-Nesyri sind beide eher weniger geeignet, dementsprechend wird die Last hierfür in Zukunft besonders auf den Schultern Hakimis lasten.

Mehr als 5 Millionen Menschen mit marokkanischer Staatsbürgerschaft leben außerhalb des Landes – der Großteil in Frankreich und Spanien, nach den Türken bildet man damit die größte ausländische Community europaweit! Neben den bereits angesprochenen jungen und vielversprechenden Nationalspielern gibt es demnach noch deutlich mehr Spieler, die sich aufgrund fehlender A-Länderspiele für andere Nationen problemlos für Marokko entscheiden könnten – so unter anderem der Ex-Herthaner Mattéo Guendouzi (22, von Arsenal zu Marseille ausgeliehen), Brahim Diaz (22, von Real Madrid zu AC Milan ausgeliehen) oder Amine Adli (21, Bayer Leverkusen). Es bestehen also gute Chancen, dass sich die Nordafrikaner mittelfristig zur stärksten Fußballnation Afrikas entwickeln können.

2 Comments

Kommentar verfassen